Excerpt
Rede zur Ausstellung „Es ist selten, dass die Dinge klar sind, nicht?" in der Städtischen Galerie im
Kornhaus Kirchheim unter Teck (15.Oktober – 16 November 2000)
Eva Teppe setzt in ihren Ausstellungen unterschiedliche visuelle Medien
ein, die zunächst Erinnerungen an die Frühzeit der Fotografie und des Films
hervorrufen. Zu diesem Werkkomplex zählen räumlich wirkende Stereobilder und
kleine Guckkästen, die vom Betrachter ein aktives, höchst differenziertes
Wahrnehmungsverhalten abverlangen.
Im Unterschied zur gängigen Ausstellungspraxis von Medienkunst, die häufig mit
einem ernormen Apparateaufwand Bilder hochbeamt und effektvoll inszeniert,
erscheinen Eva Teppes Bilder- und Wahrnehmungsparcours, die oft wie eine
Versuchsanordnung aufbereitet sind, eher leise und unspektakulär:
Fünf Stereobilder an der Wand, eine von der Decke abgehängte, mobileartige
Installation für die Videoprojektion sowie eine Serie von fünf guckkastenartigen
Minipanoramen, in die sich der Blick vertiefen muss, werden relativ unprätenziös
im Ausstellungsraum präsentiert. Doch die vordergründige Einfachheit und
Überschaubarkeit der Ausstellung täuscht! Denn nur ein geringfügiger Teil von Eva
Teppes` Kunst ist an der Oberfläche sichtbar. Die komplette Bildwirkung samt ihres
narrativen Kerns offenbart sich erst über einen längeren Zeitraum des Einsehens,
das mit einem bestimmten Wahrnehmungsverhalten verbunden ist und manchmal
auch der Hilfe von optischen Verstärkern wie beispielsweise der Stereobrille
bedarf. Aufgrund der Komplexität ihrer Werke eigen sich diese nicht für
Ausstellungsflaneure und ungeduldige Bilderzapper!
Diese würden mit leerem Blick wieder die Ausstellung verlassen...
Um Eva Teppes Arbeitsprinzip anschaulicher zu machen, möchte ich zunächst auf
die fünf Stereobilder eingehen, die an der Wand in rhythmischer Abfolge
präsentiert sind und schon für das bloße Auge eine sinnliche Präsenz besitzen.
Als Ausgangsmaterial für die im Offsetverfahren hergestellten räumlich wirkenden
Stereobilder verwendet die Künstlerin Fotografien, deren Motive zuvor in der
Landschaft inszeniert und abfotografiert wurden.
Eine Verfremdung erfährt die fotografische Vorlage durch die Übertragung des
Motivs in das so genannte Anaglyphenverfahren, d.i. der seitlich versetzte Druck
von stereoskopischen Halbbildern in den Komplementärfarben Hellrot und
Gelbgrün. Die im Anaglyphenverfahren gedruckten komplementärfarbigen Bilder
weisen trotz der Tendenz zur Auflösung und Unschärfe gegenständliche Bezüge
auf, die mit er Stereobrille eine räumlich plastische Erweiterung erfahren.
Doch erst mit Ausloten der optimalen Betrachterposition (Nahdistanz und Ferne)
und mit Stereobrille lassen sich sowohl die dreidimensionale Wirkung als auch die
narrative Struktur der Stereobilder erschließen.
Die räumlich plastische Illusion bewirkt, dass die Bilder optisch hinter die Wand
zurücktreten und je nach Standort wie eine fluoreszierende Bildschirmoberfläche
wirken. Analog der Bildschirmhaftigkeit der Offsetdrucke greift die Künstlerin bei
der Wahl ihrer Motive auf Themen und Darstellungskonventionen von
Kriminalfilmen oder Thrillern zurück; beispielsweise auf die Nahaufnahme eines
männlichen Beinpaares im jagdlichen Outfit, das auf dem Waldboden dahin
gestreckt liegt; auf einen weiblichen Kopf, der sich kaum von einem in der Totalen
geschilderten Geröllhaufen abhebt; auf eine leblos wirkende Hand, die aus einem
trüben Tümpel herausgreift und ein in der Totalen geschildertes Fußpaar, das unter
einem gefällten Baumstamm hervorragt.
Es sind alltägliche Umgebungen, die Eva Teppe mit schwarzem Humor für ihre
„Szenarien des Schreckens“ aussucht: Wälder, Wiesen und Steinbrüche können
zur „location“ eines dramatischen Ereignisses werden, über dessen Ursache keine
Indizien geliefert werden. Dabei ist für die inszenierten Bilder charakteristisch, dass
sie Situationen nach einer Tat bzw. nach einem rätselhaften Ereignis wiedergeben.
Die Aufladung der Bilder mit einer geheimnisvollen Atmosphäre, das plötzliche
Herausschälen einzelner menschlicher Körperfragmente aus dem Bildkontinuum
ist ebenso wohl durchdacht wie die gewählte Perspektive, die den Betrachter in die
grauenvolle Entdeckung mit einbezieht und ihn dadurch zum Beteiligten macht.
Der leise Schreck, der Gänsehauteffekt, der sich beim Entschlüsseln der
Stereobilder einstellt, dient nicht nur wie bei den „ gothic novels“ der englischen
Literatur der Erzeugung von Angstlust und Betroffenheit, sondern ist auch – wie
Walter Benjamin schon in seinem Passagenwerk ausführt- mit einer besonderen
„Form der Wissensaufnahme“ und Erkenntnis verbunden. Da die Stereobilder
keinen kausalen Handlungszusammenhang erkennen lassen, entzündet gerade
das Fragmentarische der Darstellung die Fantasie und löst die Fähigkeit aus, die
narrativen Fragmente zu ergänzen und in der Vorstellung einen eigenen Sinn- oder
Bedeutungszusammenhang bzw. einen eigenen Film zu erstellen. [...]
Susanne Jakob M.A.
Kuratorin der Ausstellung
© 2000